Peak Performance in Pinxi

Fertig Trübsal geblasen! Nach der etwas deprimierenden letzten Episode braucht es mal wieder ein erfreulicheres Tagebucheinträgli!

[Warnung: dieser Beitrag enthält (zu) viele Bilder]

Eigentlich war am gestrigen Sonntag ja Ostern, aber hier in Taipei war davon nichts zu spüren. Weit und breit keine Eier und keine Hasen zu sehen.; ich glaube kaum jemand wusste davon (im Gegensatz zu Weihnachten, das in ganz Asien, auch in unchristlichen Gegenden, kommerziell ausgeschlachtet wird). Auch die hiesigen Wettergötter scheinen mit den Ostersitten nicht sehr vertraut zu sein, anders kann ich mir auf jeden Fall nicht erklären, dass just auf’s Wochende hin eine Wetterbesserung bis hin zu „sonnig“ angekündigt war.

Mit schöne(re)m Wetter in Aussicht, beschloss ich ich am Samstag spontan, endlich meine mitgeschleppten aber bisher ungenutzten Wanderschuhe auszupacken. Ich war ja bereits im März einmal wandern (siehe Bericht vom 20. März), dabei handelte es sich aber eher um einen Spaziergang über den Berg, den ich problemlos in den Strassenschuhen absolvieren konnte. Nun stand mir der Sinn nach einer etwas fordernderen Variante. Auf meiner ständig wachsenden TODO-Liste gab es bereits seit Längerem den Punkt „Taiwanesischer Dschungel“; insbesondere auch deshalb, weil ich die riesigen Farnbäume, die es hier überall gibt, unbedingt einmal in Echt sehen wollte. Nach etwas Recherche im Netz fand ich eine Wanderung, die nicht nur viel Natur, sondern auch ein etwas anspruchsvolleres Gelände versprach. Perfetto!

Ich hievte mich also um 6:30 aus dem Bett und packte zwei 飯糰 Fàntuán (gefüllte Reisbälle, ähnlich den japanischen Onigiri, die man in der Schweiz im Coop kaufen kann, aber besser, weil viel mehr Zeug drin!) und ein paar Liter Wasser ein. Dann ging es als erstes per UBike zum etwa 30 Minuten entfernt liegenden 松山站 Sōngshānzhàn, dem zweitgrössten Bahnhof von Taipei, wo ich einen rütteligen Bummlerzug bis nach 瑞芳 Ruìfāng bestieg. Wohlwissend, dass auch die Taiwaner ein wanderlustiges Völkchen sind, hatte ich (wie aus der Schweiz gewohnt) Horden von bunt gekleideten Outdoor-Enthusiasten auf dem Zug Richtung Berge erwartet. Doch dem war überhaupt nicht so. Es hatte kaum Verkehr und um 7:45 Uhr war der Bahnhof komplett verwaist. Nur der Billetschalter und der 7-11 waren offen. In letzterem gab es ausser dem Kaffee-bestellenden Schöberli nur einen einen alten Mann, der sich brummelnd über die fehlenden Tee-Eier beschwerte [1].

Auf nach Pinxi, Hort der guten Wünsche

Nach einer stündigen Fahrt in einem kaum bevölkerten Zug, stieg ich in Ruifang auf einen noch kleineren Zug nach 平溪 Píngxī um. Die Pinxi-Linie ist ein altes Lotterbähnli, welches durch ein wenig erschlossenes Tal in die Berge östlich von Taipei fährt. Die Bahn ist bekannt dafür, dass sie in den meisten Dörfern im Schritttempo mitten durch die Häuser fährt, mit wenig oder ganz ohne Abschrankungen. Ich habe nur ein schäbiges Bild davon, aber das Tourismusbüro von Taiwan (und natürlich das Internet) hat besseres Material am Start.

Wenn „Nahe an der Bahn gelegen“ eine neue Bedeutung erhält
Im Bummelzug nach Pinxi

Pinxi ist nicht zuletzt auch deshalb sehr bekannt, weil die Leute von dort traditionellerweise zur Zeit des Laternenfestes (ca. Februar) hunderte, wenn nicht tausende von 天燈 Tiāndēng (bunte Heissluftballone aus Seidenpapier) in den nächtlichen Himmel steigen lassen.

Ich bin jedoch nicht nach Pinxi gekommen, um Laternen steigen oder mir vom Zug die Zehen plattfahren zu lassen. Nein, ich bin hierher gereist, um die famosen Pinxi-Felsen zu besteigen. Bei diesen Minibergen handelt es sich um drei dramatisch aus dem Dschungel aufragende Felsnasen, die über ellenlange Treppen und Leitern bestiegen werden können und von deren Spitze man eine fantastische Aussicht über die umgliegende Landschaft hat. En Détail:

  1. Filial Son Mountain (孝子山/Xiàozǐ Shān) – 360m
  2. Loving Mother Mountain (慈母山/Címǔ Shān) – 410m
  3. Mount Putuo (普陀山/Pǔtuó Shān) – 450m

Der Wanderweg den Berg hinauf beginnt ganz gemütlich.

Level 1 Wanderweg in Taiwan

Kurze Zeit später erreiche ich über immer steiler werdende Treppen eine Kreuzung. Von hier aus lassen sich die drei bereits erwähnten Berge reihum besteigen.

Munteres Treppensteigen im Urwald, es wird steiler

Das Gelände wird noch steiler und der Weg ist auf den letzten Abschnitten mit Seilen gesichert.

Alle Treppen sind recht einfach zu begehen, aber die Stufen sind teilweise hoch und steil. Es fliesst einiges an Schweiss…

Wie lange hat es wohl gedauert, bis alle diese Stufen rausgeschlagen waren?

Die allerletzten paar Meter werden bei einem der drei Felsen mittels einer Leiter überwunden.

Xiaozi Shan

Nach einer etwas anstrengenden Kraxelei ist erste Gipfel erreicht. Drei Gottheiten wachen über die Gesundheit der Besucher und geben ihren Segen für die nächste Besteigung.

Die Aussicht ist fantastisch, von jedem der drei Gipfel sieht man natürlich die jeweiligen anderen zwei Felsen, alle ragen steil aus dem dicht bewaldeten Gelände auf. Auf den Gipfeln hat es oft nur wenig Platz. Zum Glück hat es heute nur kaum Leute, so dass die Zugänge beim hoch- und runtersteigen nicht ständig verstopft sind.

Es ist kurz nach Mittag, als ich den letzten der drei Gipfel bestiegen und meinen zweiten Reisball verschlungen habe. Die Temperatur ist sehr angenehm, ich habe immer noch viel Wasser übrig und in meinen Beinen ist noch Saft. Daher beschliesse ich, über einen weiterführenden Pfad noch ein wenig das Hinterland zu erkunden. Abseits der für das breite Publikum erschlossenen Felsen wird der Weg rasch deutlich weniger komfortabel und ähnelt schon bald einem weiss-rot-weissen Schweizer Bergwanderweg.

Schliesslich, nach einer letzten Abzweigung, befinde ich mich nur noch auf einem Trampelpfad durch den dichten Wald. Das Gelände bleibt wild und uneben, an vielen Orten muss man sich an Wurzeln und Ästen halten oder hochziehen, um Steigungen zu überwinden. Dann verläuft der Weg eine Zeit lang eben auf einem Rücken, links und rechts geht es steil den Berg runter, das Emmental lässt grüssen. Ab und zu hat es Markierungspfosten mit GPS Koordinaten.

Auf zum 臭頭山 Chòutóu Shān, dem „Stinkenden Kopf Berg“

Auf dem Handy habe ich am Vortag den Verlauf aller Wanderwege in der Umgebung heruntergeladen und kann so verifizieren, dass ich nicht vom geplanten Weg abgekommen bin. Während der GPS-Track des Pfades ziemlich gut stimmt, ist die Karte selber nicht all zu genau; insbesondere die Höhenlinien sind nur als grobe Annäherung zu verstehen. Wie sollte man auch wissen, wie es unter diesem ganzjährig dicht überwachsenen Gelände wirklich aussieht! Für eine weitere Stunde geht es weiter durch die knallgrüne Waldlandschaft mit allerlei wunderschönen Pflanzen, immer weiter den Berg hinauf.

Schlussendlich gelange ich an eine beinahe senkrecht aufragende Felswand. In einem etwa 50m ansteigenden Einschnitt sind einige Seile ausgelegt und es gibt wenige, grob in den Fels gehauene Tritte, die allerdings glitschig sind.

Zeit umzukehren, das Schicksal fordere ich ein anderes mal heraus

Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs und nicht mehr ganz frisch. Mich hier ohne Sicherung mehrere Dutzend Meter hoch an Seilen bis ans obere Ende der Felswand hochzuziehen ist mir zu gefährlich. Ich bin alleine unterwegs; falls ich ausrutsche, mich nicht zu halten vermag und abstürze, dann kann das hier ein übles Ende nehmen.

Ich mache also rechtsum kehrt und trotte den ganzen Weg wieder zurück. Macht nix, die Landschaft lässt sich auch in die andere Richtung gehend geniessen.

Zur Erinnerung: Taipei ist nur etwa 30km Luftlinie entfernt

Immer wieder sieht man die bereits zu Beginn erwähnten urzeitlichen Farnbäume. Huch, was raschelt dort? Ist es ein Rudel Velociraptoren? Schluck!

Jurassic Park lässt grüssen!

Schlussendlich erreiche ich mit leicht heraushängender Zunge am späteren Nachmittag wieder Pinxi. Den abgehenden Zug habe ich gerade verpasst und muss darum eine Stunde warten. Ich gönne mir einen Teller gebratene Wildsau aus der Gegend und beobachte von der Restaurant-Terrasse aus den Touristentrubel.

Zahlreiche Besucher machen von der Möglichkeit Gebrauch, auch ausserhalb der Laternenfestival-Zeit einen Ballon zu den Göttern aufsteigen zu lassen. Dass die Himmelslaterne bei Tageslicht nicht ganz so romantisch leuchtet ist kein Hinderungsgrund, denn das Götterbüro ist rund um die Uhr offen.

Damit die eigenen Wünsche bei der spirituellen Obrigkeit ankommen, muss folgendes getan werden:

Schritt 1: In einem der vielen Läden einen Ballon in der gewünschten Farbe kaufen. Die Farbe ist keine Frage des Geschmacks, sondern sollte entsprechend den Wünschen an die Zukunft ausgewählt werden. Rot: gute Gesundheit, Gelb: Reichtum, Orange: Glück, Pink: Liebe, Violett: Intelligenz, Pfirsichfarben: Glückliche Partnerschaft, Weiss: Strahlende Zukunft (was immer das bedeuten mag), Grün: Prüfungsglück, Hellblau: Erfolg bei der Arbeit. Die Ladenbesitzer sind natürlich nicht auf den Kopf gefallen und bieten auch Ballone mit 4, 6, 8 und 9 Farben an, wobei jede zusätzliche Farbe eine Handvoll (Taiwan) Dollar mehr kostet; das unermüdlich schaffende Schicksal muss schliesslich auch von etwas leben.

Schritt 2: Der Ballon wird dicht mit den eigenen Wünschen für die nahe oder ferne Zukunft beschrieben.

Schritt 3: Gruppenfoto mit Ballon

Schritt 4: Brenner montieren, anzünden, warten.

Schritt 5: Sobald genügend heisse Luft im Ballon: steigen lassen, jubeln, Bye Bye winken und Foto Foto Foto!

Das ist wirklich ganz nett anzuschauen, die Leute sind alle total happy. Leider muss ich nach meinem mehrstündigen Waldschrat-Trip anfügen, dass es mit der Umsetzung von Schritt 6 noch etwas hapert: nämlich all die abgestürzten Ballone wieder aus den Baumkronen und dem Unterholz in der umliegenden Natur einzusammeln…

One day, I want to be a beautiful butterfly!

Für mich gibt’s deshalb keinen Ballon, ich gönne mir aber, 7-11 sei Dank, zur Feier des perfekt verlaufenen Tages ein Kägifret; wie es sich für die Einkehr nach einer anstrengenden Wanderung gehört.

Danach geht’s mit dem Ruckelzug wieder zurück nach Taipei, wo ich nach meiner Ankunft erschöpft, aber äusserst glücklich, in mein Bett falle. Die Oberschenkel rupfen bereits ein wenig, ich glaube, ich kann mich auf einen ziemlichen Muskelkater gefasst machen.

The End

Doppelt gemoppeltes Ende! Diese Episode markiert nämlich auch offiziell das Ende meiner Krise!

Die Götter haben meine Wünsche offenbar auch ohne Ballonvehikel erhalten und mir letzte Woche eine neue Lehrerin vermittelt (Grund dafür war, dass sich ein anderer Schüler offenbar kurzfristig dazu entschlossen hat, lieber Taiwan zu bereisen als Chinesisch zu lernen; Thanks mate!). Mit der neuen Lehrerin verstehe ich mich bestens und somit sieht es tatsächlich so aus, also ob der Rest meiner Schulzeit noch in absolut regulären Bahnen verlaufen würde. Meine Motivation ist zurück, die Lernmüdigkeit ist überwunden, ich bin ready für den Endspurt!

Es gilt deshalb ab sofort wieder: 加油! Jiā yóu (hopp, hopp; lit. „Öl hinzufügen/Sprit tanken„)

拜拜, 堯逸遠 - chb

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[1] Tee-Eier, 茶葉蛋 Chá yè dàn, sind ein super Snack, den es typischerweise in jedem Minimarkt wie 7-11 oder Family Mart zu kaufen gibt. Die Schale von hart gekochten Eiern wird leicht aufgeschlagen, danach werden die Eier in einen Sud aus Tee (normalerweise Oolong-Tee) und Gewürzen eingelegt. Durch die Risse der aufgeschlagenen Schale dringt der Sud ins Ei ein, färbt es braun, und gibt zusätzlichen Geschmack.

Ich weiss nicht, warum es an diesem Sonntagmorgen keine Tee-Eier in diesem 7-11 zu kaufen gab; vielleicht wegen der Eierkrise, die vor gut zwei Monaten begann und immer noch anhält. Taiwan hat seit Februar zuwenig Eier, weil die Hühner auf der Insel offenbar nicht genügend Output produzieren; das Thema beherrscht seit Wochen die täglichen News und erhält mindestens gleichviel Gewicht wie die chinesischen Flottenmanöver, wenn nicht mehr. Der Preis für ein einzelnes Ei hat sich seit Februar beinahe verdoppelt, und die Regierung kauft händeringend Milllionen von Eiern im Ausland ein…

[2] Auch dazu gibt es im Internet jede Menge spektakuläre Bilder.

Halbzeit!

Willkommen zur vierten Ausgabe unseres je länger desto seltener erscheinenden wöchentlichen Newsletters! Anscheinend hat eine Woche zur Zeit etwa 11 Tage… Tut mir leid, dass ich nicht häufiger schreibe, aber der Schlendrian hat mich am Schlafittchen.

Seit ich in unmittelbarer Nähe meines Unterrichtslokals wohne (wir erinnern uns: Gehdistanz = 3 Minuten), hat sich mein Aktionsradius drastisch verkleinert! Meine Metro Benutzungskosten sind praktisch auf Null gesunken und weil ich mich nach der Schule nicht mehr durch zahlreiche unbekannte Stadtviertel und U-Bahnstationen kämpfen muss, hat sich leider auch die Rate spontaner drive-by Entdeckungen und ungeplanter Ausflüge reduziert… Zum Glück gibt es ja noch die Wochenenden, die ich zunehmend für längere Exkursionen nutze.

Letzten Sonntag musste ich meinen Allerwertesten allerdings kaum bewegen, um unterhalten zu werden. In unserem Quartier kam nämlich die Fasnacht zu Besuch! Soweit ich herausfinden konnte, wurde vor 65 Jahren ein Tempel für einen bestimmten Gott in der hiesigen Nachbarschaft eröffnet, und seither kommen jährlich am Jahrestag eine Menge Vereine aus einer Stadt im Süden Taiwans nach Taipei ins Tonghua-Viertel, um dem nun hier ansässigen Gott ihre Aufwartung zu machen. Eine lange Prozession von Tänzern, Drachenschwingern, Marschmusikgruppen, Quietschtrötenbläsern, Trommlern und Kungfu-Kämpfern bewegte sich durchs die Strassen und besuchte dabei nicht nur den besagten Tempel, sondern auch alle benachbarten (man will ja keinen Gott verstimmen) . Sobald ein Tempel erreicht war, hielt jede Gruppe kurz an und zeigte eine kleine Darbietung, wonach es weiterging. Das Ganze wurde begleitet von endlos krachendendem Feuerwerk und superlaut quietschenden Tröten, die jeden Basler Pfyffebläser vor Neid erblassen lassen würden. Freundlicherweise begannen die Festivitäten erst um 9 Uhr morgens und endeten um ca. 4 Uhr Nachmittags, es gab also kein böses Erwachen am Sonntag. Für alle Interessierten gibt’s auch ein Video mit markerschütterndem Soundtrack.

Kleinen Moment bitte, Ihre Messer sind gleich wieder scharf!

Wenn nicht gerade die Fasnacht zu Besuch ist, kann man in Taipei den Sonntag bei schönem Wetter auch bestens auf dem Velo verbringen. Die Stadt wird von zwei Flüssen, Keelung und Xindian, durchflossen, welche sich im Osten der Stadt vereinigen und als Tamsui ins Meer fliessen. Alle Flussufer sind beidseits durchgehend als Park angelegt und für die Öffentlichkeit zugänglich. Hunderte von Kilometern Velo- und Fusswege säumen die Ufer; daneben gibt es auch unzählige Basketball-, Baseball- und Fussballfelder, die vor allem am Wochenende rege genutzt werden. Hohe Mauern zwischen Park und Stadt halten den Lärm fern und lassen einen die Hektik des Alltags für eine Weile vergessen, sei es beim Picknicken, beim Spörteln oder beim Fischen. Letzteres sieht man recht häufig und es werden auch jede Menge Fische gefangen. Wegen der zweifelhaften Qualität des Flusswassers werden diese allerdings nicht verspiesen sondern umgehend wieder zurück ins mehr oder weniger verseuchte Nass geworfen.

Fischer’s Fritz fischt nicht-so-frische Fische

Hat man ein eigenes Velo, kann man damit von zu Hause bis an den Fluss fahren, oder es auch mit in die U-Bahn nehmen, und damit irgendwohin zu fahren. Die MRT (Mass Rapid Transport, so wird hier Metro genannt, die mehrheitlich über Grund fährt) nimmt gerne auch Fahrräder mit. Ich habe das auch schon ausprobiert, allerdings unfreiwillig: das Velo, welches mir von meiner Gastfamilie geliehen wurde, hatte nämlich eine Panne, und ich wollte deshalb die Metro nutzen, um mit dem kaputten Velo im Schlepptau nach Hause zurückzufahren. Nichts leichter als das: in Windeseile hatte ich am bedienten Schalter ein Fahrrad-Ticket gelöst. Nur zwei Mal umsteigen und schon würde ich trotz Panne – flitzflitz – noch rechtzeitig zum Znacht zu Hause sein.

Mit der Metro auf dem schnellsten Weg nach Hause

Leider hatte ich auf meinem Velotransportzettel ein klitzekleines Detail übersehen: NO BICYCLES ON THE BROWN LINE! Als ich, im Bestreben, möglichst schnell nach Hause zu kommen, in Nanjing Fuxing auf die braune Linie umsteigen wollte und deshalb mit meinem Göppel quietschfidel durch die Metrostation marschierte, ertönte plötzlich eine schrille Pfeife und eine Reinigungskraft kam händeringend auf mich zugerannt. „不行! Cannot have Bicycle in Station! 🙅“ Anschliessend wurde ich zur diensthabenden Stationschefin abgeführt, die mir meinen Fauxpas noch einmal erklärte: Keine Velos auf der braunen Linie! Ich müsse auf der grünen Linie bis Zhongshan fahren und dort auf die rote Linie umsteigen. „Alles klar, 我懂, sorry, 對不起, tut mir leid, 不好意思! Zum Glück ist nichts passiert, ich gehe sofort zurück und mache den kleinen Umweg via Songshan, versprochen! Kann ich jetzt gehen?“ Nix. Die Chefin bedeutete mir zu warten, während sie wie wild in der Gegend herumtelefonierte und WalkieTalkie funkte. Eine Viertelstunde später durfte ich, von der Putzfrau eskortiert, zurück aufs 50m entfernte Perron der grünen Linie. Die Frau wartete mit mir zusammen bis der Zug kommt und zeigte mir genau, wo ich einsteigen sollte. Danach fuhr ich bis Songshan und wurde dort von einem Security-Typen in Empfang genommen, der mich bis aufs Perron der roten Linie begleitete, wo mir wiederum genau gezeigt wurde, wo ich einsteigen müsse. Zur Sicherheit wurde dem Zugführer noch gesagt, dass ich mit meinem Velo bis Xinyi Anhe mitfahre. Dort angekommen, wurde ich noch einmal abgeholt und freundlichst bis zum Stationsausgang begleitet, um ja sicher zu stellen, dass sowohl Velo wie auch unfähiger Laowai die MRT-Zone verliessen. Eine gute Atemtechnik und das Ausschalten der primären Hirnfunktionen sorgte dafür, dass ich den den Umstand, wie ein fünfjähriges Kind behandelt zu werden, mit der notwendigen Gelassenheit über mich ergehen lassen konnte. Das Nachtessen war zum Glück noch warm, als ich schlussendlich mit einer Stunde Verspätung zu Hause ankam.

Das äusserst schöne Wetter der vergangenen Wochen bot auch eine gute Gelegenheit für eine Wanderung (Taiwan ist ein Wanderparadies). Von Houtong, einem ehemaligen Kohleminendorf, das heute voller Katzen und damit zu einer Touristenattraktion geworden ist, bin ich bis nach Jiufen gewandert. In Jiufen haben die Japaner zur Kolonialzeit eine Goldmine betrieben, heute ist der Ort vor allem wegen seines historischen Dorfkerns, einigen schönen alten Teehäusern und der tollen Aussicht ein beliebter Ausflugsort. Während sich an den beiden Orten grössere Menschenmassen durch die Strassen wälzten, wanderte ich mehr oder weniger allein über einen etwa 500m hohen Pass und genoss die Ruhe, die blühenden Kirschbäume und den Ausblick vom Pass aufs Meer bis nach Keelung. In Jiufen gab’s dann zum Abschludd noch einen Sonnenuntergang.

Treppe im Nichts: „Stairway to Heaven“ zwischen Houtong und Jiufen
Sonnenuntergang in Jiufen

Ausserdem habe ich auch noch den riesigen Blumen- und Pflanzenmarkt in Daan besucht (Verveine, Thymian und Chili nach Hause geschleppt; Schnäppchen!) und mir die Tanzperformance 1000 Gestures von Boris Charmatz im „Taipei Performing Arts Center“ (TPAC) angeschaut. Das Gebäude im Stadtteil Shilin hat eine ziemlich coole Architektur: die beiden Bühnen sind in auskragenden Beulen untergebracht, das Publikum guckt also quasi von innen nach aussen.

Wenn Architekten zuviel rauchen kommt das TPAC raus

Wie sieht es an der Chinesisch-Front aus? Ich habe die Halbzeit des Unterrichts (d.h. 5 von 10 Wochen) erreicht, und torkle zwischen Frustmomenten und Erfolgserlebnissen hin und her. Zeitweise bezweifle ich, dass ich je in der Lage sein werde, eine längere Unterhaltung auf Chinesisch zu führen, aber dann gibt es plötzlich wieder einen Sprung vorwärts. Beide Lehrerinnen bekräftigen regelmässig, dass ich grosse Fortschritte mache. Wir haben bereits 2/3 des Anfängerstoffes hinter uns und wenn wir die Geschwindigkeit aufrecht erhalten können, werde ich tatsächlich auch noch Stufe B1 (Intermediate) anfangen oder sogar noch abschliessen können.

Halbzeit und ein erstes hellgrünes Feldchen

Am weitesten fortgeschritten sind meine Lesefähigkeiten. Einen meinem Wortschatz angemessenen Text kann ich relativ zügig lesen und verstehen; auch Vorlesen ist okay. Ich angefangen, Bücher auf Chinesisch zu lesen. Es gibt kurze Texte, auch zeitgenössischer Autoren, die – wie Kinderbücher – mit einem limitierten Vokabular (150, 300, 500, 1000 etc. verschiedene Worte) verfasst sind. Das klappt, mit Hilfe eines Wörterbuches für die wenigen unbekannten Wörter, schon ganz gut und gibt Grund auf sich selbst stolz zu sein. Der Frust kommt, wenn man auf die Strasse rausgeht oder irgend ein Buch oder eine Zeitschrift öffnet: da reichen meine mickerigen 500 Zeichen nicht weit, es wären wohl 3000-5000 nötig. Das Fiese ist, dass man – im Gegensatz zu Texten in anderen Sprachen – absolut keine Chance hat, unbekannte Worte irgendwie auszusprechen oder abzuleiten. Jedes unbekannte Zeichen sorgt für eine blanke Stelle im Text, das macht es extrem schwierig, das Gelernte im Alltag einzusetzen (z.B. kann ich auf einer Speisekarte, auch wenn ich die Hälfte des Namens eines Gerichts verstehe, diesen nicht aussprechen, weil ich den Teil, den ich nicht verstehe, nicht einfach ablesen kann).

Auch das Sprechen macht Fortschritte. Ich kann nun doch schon kurze Vorträgli halten, mehrheitlich aus Hauptsätzen bestehend. „Wenn…, dann…“, „Weil…, deshalb…“ sowie Nebensätze mit „aber“ und „und“ sind kein grosses Problem mehr, Vergleiche liegen auch drin. Von Relativsätzen (d.h. Rückbezüge wie „die Blumen, die ich gestern gekauft habe“) kann ich erst träumen, ich glaube das kommt nun endlich nächste Woche dran (im Chinesischen gibt es keine Relativpronomen, was die Bildung von Relativsätzen natürlich etwas verkompliziert).

Ich kann erzählen woher ich komme, was es dort gibt, was ich gerne mache und andere Leute dasselbe fragen. Tiptop! Wenn ich Glück habe und die Töne und Aussprache einigermassen treffe, dann werde ich auch verstanden und erhalte eine Antwort. Das Problem ist nur, dass ich diese dann meistens nicht verstehe, sogar wenn sie in einem mir grundsätzlich geläufigen Vokabular erfolgt. Natürlich ist das ein Klassiker in der Frust-Hitliste eines jeden Sprachenlernenden, weil Muttersprachler viel zu schnell und hier in Taiwan auch oft noch mit einem Akzent sprechen. Für mich ist dieses Problem zur Zeit das grösste Hindernis auf dem Weg zur gemütlichen Plauderei mit der Stationsvorsteherin in der Metro oder auch nur beim Bestellen eines 珍珠奶茶 Zhēnzhūnǎichá (Bubble-Milchtee). Ich will aber nicht zu schwarz malen; ich verstehe sowohl meine Lehrerinnen wie auch die Mädels der Gastfamilie zusehendes besser. Ab und zu gibt es ergreifende Momente, in denen ich plötzlich fast alles verstehe, aber diese sind leider immer noch sehr selten.

Mit Hilfe eines Pinyin-Keyboards kann ich problemlos auch Texte in chinesischer Schrift verfassen. Ich muss inzwischen öfters kleine Aufsätzchen als Hausaufgabe schreiben, und weil dies mittlerweile recht zügig vonstatten geht, habe ich mich dazu entschlossen die Spalte „Schreiben“ in der PLHS-Tabelle entsprechend anzupassen. Schreiben von Hand ist selbstredend immer noch eine 0-1 und wird es auch bleiben.

Das einzige, was ich schreiben kann, ist mein chinesischer Name. Jawoll, so wie fast jeder Taiwanese und jede Taiwanesin sich einen englischen Namen zulegt, habe ich mir einen chinesischen Namen besorgt! Den Nachnamen habe ich selbst gewählt (aus einer grossen Liste mit allen chinesischen Nachnamen), für den Vornamen habe ich meine Gastfamilie um Hilfe gebeten. Einerseits, um ein Desaster mit möglichen Doppeldeutigkeiten zu vermeiden und andererseits, weil auch Faktoren wie „wohlklingend“ eine Rolle spielen und weil ich einen Namen wollte, der zu mir passt. Herausgekommen ist dabei 堯逸遠, Yáo Yì Yuǎn, mit /\_ als Soundwave 😉.

Gestatten: Ihro kaiserliche Hoheit, Yao Yi Yuan

Yáo ist der Nachname (im asiatischen Raum wird dieser immer vorangestellt). Es ist der Name eines frühen chinesischen Kaisers. Ich fand, dass das durchaus mit der Herkunft von „Kaspar“ korreliert und besser passt als „Feng“ (lautmalerisch für „von“) oder „Gong“ (lautmalerisch für „Gun…ten“), was von verschiedener Seite vorgeschlagen wurde. Zudem ergibt es mit den beiden „Y“ des Vornamens ein cooles Y-Tripel!

逸遠 Yì Yuǎn ist der Vorname. Die beiden Zeichen bedeuten „easy, relaxed“, respektive „weit weg, entlegen“. Das erstere ist meinen Gastgebern offenbar als Wesenszug von mir aufgefallen, letzteres passt zu meiner relativen Weitgereistheit und meinem Drang, abgelegenere Weltgegenden zu besuchen.

Das bedeutet, ihr könnt ab sofort 小逸 zu mir sagen! Aber Achtung: Töne beachten!

Bis zum nächsten Mal, 拜拜了.